Mythos 3:
Harte Politik kann Migration einfach eindämmen

Wenn Migration begrenzt werden soll, wird häufig nach einer einfachen Lösung gesucht: strengere Grenzkontrollen, weniger Sozialleistungen, schnellere Abschiebungen oder härtere Regeln.

Das Problem ist nicht, dass solche Maßnahmen grundsätzlich wirkungslos wären. Das Problem ist die Vorstellung, mit ihnen lasse sich Migration beliebig reduzieren.

Migration hat viele Ursachen

Menschen migrieren aus sehr unterschiedlichen Gründen. Manche fliehen vor Krieg und Verfolgung, andere suchen Arbeit, bessere Bildung oder ein sichereres Leben. Häufig spielen mehrere Gründe gleichzeitig eine Rolle.

Auch persönliche Netzwerke sind wichtig: Wer Verwandte oder Freunde in einem Land hat, kann leichter dorthin migrieren. Hinzu kommen bestehende Migrationsrouten und die Situation in den Herkunfts- und Transitländern.

Deshalb reagieren Menschen nicht auf jede politische Maßnahme gleich.

Abschreckung kann funktionieren – aber nicht immer

Die Forschung zeigt, dass Migrationspolitik durchaus Einfluss auf Entscheidungen haben kann. Eine 2026 veröffentlichte Studie zu deutschen Asylmaßnahmen kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass die Aussicht auf eine Verlagerung des Asylverfahrens außerhalb Europas die Bereitschaft zur irregulären Migration in einem Experiment deutlich verringerte. Eine längere Wartezeit auf bestimmte Sozialleistungen hatte dagegen nur einen kleinen Effekt. Schnellere Asylentscheidungen oder die Einführung einer Bezahlkarte zeigten keinen messbaren Effekt auf die untersuchte Migrationsabsicht.[1]

Das ist ein wichtiger Unterschied: Manche Maßnahmen können abschrecken, andere kaum.

Auch aktuelle Zahlen zeigen, dass Migration beeinflussbar ist. In Deutschland gingen die Asylerstanträge 2025 gegenüber 2024 um 50,7 Prozent zurück. Gleichzeitig sanken die festgestellten irregulären Grenzübertritte in der EU 2025 um weitere 25 Prozent.[2][3]

Diese Rückgänge haben allerdings mehrere Ursachen. Dazu gehören Veränderungen in den Herkunfts- und Transitländern, internationale Abkommen, Grenzschutz, die Bekämpfung von Schleusern und Veränderungen der politischen Lage. Aus den Zahlen lässt sich deshalb nicht seriös ableiten: „Diese eine harte Maßnahme hat die Migration halbiert.“

Menschen wechseln auch ihre Route

Ein weiteres Problem besteht darin, dass eine strengere Grenze Migration nicht unbedingt beendet.

Wenn eine Route schwieriger wird, können Menschen auf andere Routen ausweichen. Das lässt sich auch an den europäischen Daten beobachten: 2024 gingen die irregulären Grenzübertritte insgesamt um 38 Prozent zurück, gleichzeitig entwickelten sich die einzelnen Routen sehr unterschiedlich.[4]

Migration kann sich verlagern, wenn sich die Bedingungen verändern.

Deshalb reicht es nicht, eine einzelne Grenze immer stärker zu kontrollieren.

Was kann Politik tatsächlich leisten?

Eine wirksame Migrationspolitik kann durchaus dafür sorgen, dass weniger Menschen irregulär einreisen oder dass Menschen ohne Bleiberecht Deutschland schneller wieder verlassen.

Dafür braucht es unter anderem:

·         funktionierende Außengrenzen,

·         schnelle und faire Asylverfahren,

·         konsequente Rückführungen nach rechtskräftiger Ablehnung,

·         Abkommen mit Herkunfts- und Transitstaaten,

·         die Bekämpfung von Schleusernetzwerken,

·         und legale Wege für Menschen, die tatsächlich zum Arbeiten einwandern dürfen.

Genau diesen Ansatz verfolgt inzwischen auch die EU. Der seit Juni 2026 geltende Pakt für Migration und Asyl verbindet verstärkten Außengrenzschutz mit schnelleren Verfahren und einer effizienteren Rückkehrpolitik.[5]

Aber: Fluchtursachen lassen sich nicht einfach wegregeln

Wer vor Krieg, Verfolgung oder existenzieller Not flieht, wird durch eine strengere deutsche Sozialleistungspolitik nicht unbedingt davon abgehalten, sein Heimatland zu verlassen.

Deshalb können nationale Maßnahmen zwar beeinflussen, wohin, wann und auf welchem Weg Menschen migrieren. Sie können aber die Ursachen von Migration nicht vollständig beseitigen.

Das gilt auch für den häufigen Ruf nach einer „Obergrenze“: Eine politische Zahl kann festgelegt werden – sie verändert aber nicht automatisch die Zahl der Menschen, die Schutz benötigen oder versuchen, nach Europa zu gelangen.

Fazit

Harte Maßnahmen können Migration teilweise begrenzen. Aber sie sind kein Schalter, mit dem sich Migration einfach an- und ausschalten lässt.

Eine realistische Politik muss deshalb beides können: Migration steuern und begrenzen, wo es möglich und rechtlich zulässig ist – und gleichzeitig die Ursachen, internationalen Zusammenhänge und legalen Wege berücksichtigen.

Nicht „hart oder weich“ ist die entscheidende Frage.

Entscheidend ist: Welche Maßnahme wirkt bei welcher Form von Migration – und welchen Preis hat sie?

 

Quellen

[1] Bernd Beber, Cara Ebert & Maximiliane Sievert (2026): Is irregular migration responsive to recent German asylum policy adjustments?, World Development, Volume 207, November 2026, Article 107478. Die Studie untersucht deutsche Asylpolitikmaßnahmen und ihre Wirkung auf die Bereitschaft zur irregulären Migration. Die Verlagerung von Asylverfahren außerhalb Europas reduzierte die untersuchte Migrationsabsicht deutlich; längere Wartezeiten auf bestimmte Sozialleistungen hatten einen kleinen Effekt. Schnellere Asylentscheidungen und die Umstellung von Bargeld auf Bezahlkarten zeigten keinen signifikanten Effekt.
(
ScienceDirect)

[2] Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2026): Asylzahlen Gesamtjahr und Dezember 2025, 12.01.2026. 2025 wurden 113.236 Asylerstanträge registriert, gegenüber 229.751 im Jahr 2024. Das entspricht einem Rückgang von 50,7 Prozent.
(
bamf.de)

[3] European Commission / European Migration Network (2026): Asylum and Migration Overview 2025. 2025 wurden an den EU-Außengrenzen 180.211 irreguläre Grenzübertritte festgestellt – 25 Prozent weniger als 2024.
(
ec.europa.eu)

[4] Frontex (2025): Irregular border crossings into EU drop sharply in 2024, 14.01.2025. Die Zahl der festgestellten irregulären Grenzübertritte sank 2024 um 38 Prozent. Gleichzeitig entwickelten sich die einzelnen Migrationsrouten sehr unterschiedlich: Auf der zentralen Mittelmeerroute sanken die Feststellungen um 59 Prozent, auf der westlichen Balkanroute um 78 Prozent.
(
frontex.europa.eu)

[5] Europäische Kommission (2026): Questions and answers on the Pact on Migration and Asylum, 12.06.2026. Der EU-Migrations- und Asylpakt ist seit dem 12. Juni 2026 anwendbar. Er verbindet unter anderem stärkeren Schutz der EU-Außengrenzen, Screening, schnellere Asylverfahren und effizientere Rückführungen.
(
ec.europa.eu)