4. Mythos:
Die Integration in Deutschland ist gescheitert
„Die Integration ist gescheitert“ – dieser Satz wird häufig verwendet, wenn auf Probleme in Schulen, auf dem Arbeitsmarkt oder beim gesellschaftlichen Zusammenleben hingewiesen wird.
Die Probleme sind real. Aber von einem Scheitern der Integration zu sprechen, wird der Entwicklung in Deutschland nicht gerecht.
Integration ist kein Entweder-oder
Integration bedeutet nicht, dass Menschen ihre Herkunft, Sprache oder Kultur aufgeben. Gemeint ist vor allem, dass Menschen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können: in Schule und Ausbildung, auf dem Arbeitsmarkt, im Alltag und in politischen und gesellschaftlichen Institutionen.
Der aktuelle Integrationsbericht der Bundesregierung zeigt deshalb ein gemischtes Bild: In vielen Bereichen gibt es deutliche Fortschritte, gleichzeitig bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede und Benachteiligungen. Genau diese Kombination ist wichtig, wenn man über Integration spricht.[1]
Die zweite Generation zeigt, was möglich ist
Besonders deutlich wird die Entwicklung bei Menschen, die selbst in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind.
Kinder von Einwanderern erreichen im Durchschnitt höhere Bildungsabschlüsse und bessere Arbeitsmarktpositionen als ihre Eltern. Gleichzeitig bestehen weiterhin Unterschiede zu Menschen ohne Einwanderungsgeschichte.
Auch beim Einkommen zeigt sich dieser Fortschritt: Eine aktuelle IAB-Analyse von 2025 findet für die zweite Generation im Durchschnitt eine deutlich kleinere Lohnlücke als für die erste Generation. Die Einkommensdifferenz zur einheimischen Bevölkerung beträgt bei der zweiten Generation im Durchschnitt 5,7 Prozent, während sie bei Eingewanderten der ersten Generation deutlich größer ist.[2]
Integration funktioniert also – aber sie verläuft nicht automatisch und nicht in allen Bereichen gleich schnell.
Auch auf dem Arbeitsmarkt gibt es Fortschritte
Ein besonders wichtiger Indikator ist Beschäftigung. Viele Menschen, die neu nach Deutschland kommen, benötigen zunächst Zeit für Sprache, Ausbildung, Anerkennung von Abschlüssen oder den Einstieg in den Arbeitsmarkt.
Mit zunehmender Aufenthaltsdauer verbessert sich ihre wirtschaftliche Integration.
Das zeigt sich beispielsweise bei Geflüchteten: Die Beschäftigungsquoten derjenigen, die seit der großen Fluchtmigration 2015 nach Deutschland gekommen sind, sind über die Jahre deutlich gestiegen. Das IAB stellte 2025 fest, dass sich die Beschäftigungsquote dieser Gruppe dem deutschen Durchschnitt zunehmend annähert.[3]
Das bedeutet nicht, dass alle Integrationsprobleme gelöst wären. Aber es widerspricht der Vorstellung, Menschen würden dauerhaft außerhalb von Arbeitsmarkt und Gesellschaft bleiben.
Wo gibt es weiterhin Probleme?
Eine ehrliche Bilanz darf die Schwierigkeiten nicht verschweigen.
Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind in Deutschland unter anderem bei Einkommen, bestimmten Bildungsabschlüssen und einigen gesellschaftlichen Positionen weiterhin schlechter gestellt. Auch Diskriminierung und Benachteiligung spielen eine Rolle.[1][2]
Integration ist deshalb keine Einbahnstraße: Menschen, die nach Deutschland kommen, müssen Deutsch lernen, Gesetze respektieren, arbeiten oder sich um Bildung und Ausbildung bemühen und Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen.
Aber auch die Aufnahmegesellschaft trägt Verantwortung: Wenn Abschlüsse nicht anerkannt werden, Behörden unnötig langsam arbeiten oder Menschen aufgrund ihrer Herkunft schlechtere Chancen erhalten, erschwert das Integration.
Integration braucht Zeit
Ein häufiger Fehler in der Debatte besteht darin, kurzfristige Probleme mit langfristigen Entwicklungen zu verwechseln.
Wer neu nach Deutschland kommt, kann nicht am ersten Tag dieselben Sprachkenntnisse, Bildungsabschlüsse, beruflichen Netzwerke und Einkommen haben wie jemand, der hier geboren und aufgewachsen ist.
Integration muss deshalb über Jahre und teilweise über Generationen betrachtet werden.
Eine neue IAB-Befragung von rund 50.000 Eingewanderten zeigt zudem: 57 Prozent der Befragten planen, dauerhaft in Deutschland zu bleiben.[4]
Das zeigt, dass ein großer Teil der Menschen, die eingewandert sind, Deutschland nicht lediglich als vorübergehende Station betrachtet.
Fazit
Integration in Deutschland ist weder gescheitert noch fertig.
Es gibt echte Probleme – bei Bildung, Einkommen, Sprache, Wohnraum, Diskriminierung und gesellschaftlicher Teilhabe. Diese Probleme müssen benannt und gelöst werden.
Aber gleichzeitig zeigen die Daten, dass Integration in vielen Bereichen vorankommt: Menschen lernen die Sprache, finden Arbeit, erwerben höhere Bildungsabschlüsse und verbessern ihre wirtschaftliche Situation – insbesondere über Generationen hinweg.
Die vernünftige Schlussfolgerung lautet deshalb nicht „Integration ist gescheitert“, sondern: Was funktioniert bereits – und wo müssen wir besser werden?
Erfolgreiche Integration bedeutet am Ende nicht, dass alle gleich sind.
Sie bedeutet, dass Herkunft nicht darüber entscheidet, welche Chancen jemand im Leben hat.
Quellen
[1] Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration / DeZIM (2024): 14. Integrationsbericht – Lagebericht: Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft. Der Bericht untersucht Integration anhand von 60 Indikatoren in 14 Themenfeldern und zeigt sowohl Fortschritte als auch weiterhin bestehende Herausforderungen bei Teilhabe und Repräsentation.
[2] Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) (2025): Eingewanderte verdienen in Deutschland im Schnitt 19,6 Prozent weniger als Einheimische. Für die zweite Generation beträgt die durchschnittliche Lohnlücke 5,7 Prozent. Die Unterschiede sind damit deutlich geringer als bei der ersten Generation.
[3] Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) (2025): Forschung zur Beschäftigung von Geflüchteten. Die Beschäftigungsquoten der seit Mitte der 2010er Jahre zugewanderten Geflüchteten sind über die Jahre deutlich gestiegen und nähern sich dem deutschen Durchschnitt an.
[4] Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) (2025): Deutschland als Zwischenstation? Rückkehr- und Bleibeabsichten von Eingewanderten. Die erste Welle der IAB-Befragung umfasste rund 50.000 Eingewanderte. 57 Prozent beziehungsweise rund 5,7 Millionen Personen planen, dauerhaft in Deutschland zu bleiben.





