2. Mythos:
Migrant*innen sind ein Sicherheitsrisiko

Wenn über Migration und Kriminalität gesprochen wird, prallen oft zwei vereinfachte Aussagen aufeinander: Die einen behaupten, Migration mache Deutschland unsicherer. Die anderen erklären, Herkunft spiele bei Kriminalität überhaupt keine Rolle.

Beides greift zu kurz.

Ja, es gibt eine Überrepräsentation in der Kriminalstatistik

Nichtdeutsche Tatverdächtige sind in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) überrepräsentiert. Das ist ein realer Befund und sollte nicht weggeredet werden.

Aber: Die PKS erfasst Tatverdächtige, nicht Verurteilte. Außerdem ist „nichtdeutsch“ eine sehr grobe Kategorie. Darunter fallen unter anderem Menschen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, Geflüchtete, Touristen, Pendler und Menschen ohne festen Wohnsitz in Deutschland. Auch ausländerrechtliche Verstöße können nur von Menschen ohne deutschen Pass begangen werden.¹

Deshalb ist der häufige Vergleich „Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger“ gegen „Anteil Ausländer an der Bevölkerung“ kein sauberer Vergleich.

Wer ist besonders häufig tatverdächtig?

Kriminalität hängt stark von Faktoren ab, die mit Herkunft zunächst wenig zu tun haben.

Männer werden wesentlich häufiger als Tatverdächtige registriert als Frauen. Auch Jugendliche und junge Erwachsene sind deutlich häufiger vertreten als ältere Menschen.²

Genau diese Gruppen sind unter bestimmten Zuwanderergruppen überdurchschnittlich stark vertreten.

Hinzu kommen Faktoren wie Armut, Arbeitslosigkeit, fehlende soziale Einbindung, unsichere Lebensverhältnisse und Gewalterfahrungen. Die Forschung zeigt, dass solche Lebensbedingungen das Risiko von Kriminalität beeinflussen können – unabhängig von der Herkunft.³

Das bedeutet allerdings nicht, dass damit jede Überrepräsentation erklärt wäre. Manche Gruppen bleiben auch nach statistischer Berücksichtigung verschiedener Faktoren stärker vertreten. Deshalb sollte man weder Probleme leugnen noch vorschnell eine bestimmte Herkunft als Ursache ausmachen.

Erhöht mehr Migration automatisch die Kriminalität?

Eine wichtige Untersuchung des ifo Instituts hat genau diese Frage untersucht. Die Forschenden analysierten die Kriminalitätsentwicklung in deutschen Landkreisen von 2018 bis 2023 und fanden keinen Zusammenhang zwischen einem steigenden Ausländeranteil und einer steigenden lokalen Kriminalitätsrate. Das galt auch für den Anteil von Schutzsuchenden.⁴

Das ist ein wichtiger Unterschied:

Dass bestimmte Migrantengruppen in der PKS überrepräsentiert sind, bedeutet nicht automatisch, dass mehr Migration an einem Ort zu mehr Kriminalität führt.

Auch eine frühere deutsche Studie zur Fluchtmigration kam zu dem Ergebnis, dass die Zuwanderung von Flüchtlingen nicht zu einer höheren Viktimisierungsrate der einheimischen Bevölkerung durch Flüchtlinge führte.⁵

Was bedeutet das für die Sicherheit?

Migration ist kein Freifahrtschein für Kriminalität. Straftaten müssen konsequent verfolgt werden – unabhängig davon, wer sie begeht.

Gleichzeitig ist es wenig sinnvoll, eine heterogene Gruppe von Millionen Menschen als Sicherheitsrisiko zu betrachten. Die große Mehrheit der Migrant*innen begeht keine schweren Straftaten.

Sinnvoller ist es, die tatsächlichen Risikofaktoren zu bekämpfen: Perspektivlosigkeit, soziale Isolation, fehlende Bildung und Arbeit, problematische Wohn- und Lebensbedingungen sowie Gewalt- und Suchtprobleme.

Interessant ist dabei eine neue deutsche Studie von 2026: Jugendliche aus Einwandererfamilien, die durch die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts von Geburt an die deutsche Staatsbürgerschaft erhielten, wurden in den untersuchten Bundesländern rund 70 Prozent seltener als Tatverdächtige registriert als vergleichbare Jugendliche ohne deutschen Pass. Die Autoren führen den Effekt unter anderem auf bessere Bildungs-, Beschäftigungs- und Teilhabechancen zurück.⁶

Das legt nahe: Integration und gesellschaftliche Teilhabe sind nicht nur soziale Fragen – sie können auch Sicherheit fördern.

Fazit

Ja, es gibt in der Kriminalstatistik eine Überrepräsentation bestimmter Gruppen von Nichtdeutschen. Das sollte man ernst nehmen.

Aber aus dieser Statistik folgt nicht, dass Migration als solche ein Sicherheitsrisiko ist.

Wer Sicherheit will, sollte nicht nach der Herkunft eines Menschen fragen, sondern danach, welche Faktoren Kriminalität begünstigen – und wie man diese Faktoren wirksam bekämpft.

Denn ein Rechtsstaat sollte zweierlei können: Kriminalität konsequent bekämpfen und Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft unter Generalverdacht stellen.

Quellen

[1] Bundeskriminalamt (BKA): Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 und Kriminalität im Kontext von Zuwanderung. Die PKS erfasst Tatverdächtige; die Kategorie „Nichtdeutsche“ umfasst sehr unterschiedliche Personengruppen. Die PKS ist zudem eine Hellfeldstatistik und bildet nicht das gesamte tatsächliche Kriminalitätsgeschehen ab.
(bka.de)

[2] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) (2025): Kriminalität in Deutschland. Männer werden insgesamt etwa dreimal so häufig polizeilich auffällig wie Frauen; Jugendliche und junge Erwachsene werden erheblich häufiger registriert als ältere Menschen.
(bpb.de)

[3] Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) (2025): Migration und Kriminalität. Die bpb fasst die kriminologische Forschung dahingehend zusammen, dass Unterschiede unter anderem mit Alters- und Geschlechtsstruktur sowie belastenden Lebensumständen, geringer sozialer Einbindung und Gewalterfahrungen zusammenhängen.
(bpb.de)

[4] Alipour, Jean-Victor / Adema, Joop (ifo Institut, 2025): Steigert Migration die Kriminalität? Ein datenbasierter Blick. Analyse der PKS auf Kreisebene für 2018–2023. Die Studie findet keinen Zusammenhang zwischen einem steigenden Ausländeranteil und der lokalen Kriminalitätsrate; dies gilt auch für Schutzsuchende.
(ifo.de)

[5] Huang, Yue / Kvasnicka, Michael (2019): Immigration and Crimes against Natives: The 2015 Refugee Crisis in Germany, IZA Discussion Paper No. 12469. Die Untersuchung findet keinen Anstieg der Viktimisierungsrate der einheimischen Bevölkerung durch Flüchtlinge infolge der Fluchtmigration 2015.
(iza.org)

[6] Andres, Leander et al. (2026): Birthright Citizenship and Youth Crime, CESifo Working Paper No. 12397. Die Studie untersucht die Reform des deutschen Staatsangehörigkeitsrechts von 2000 und findet bei den untersuchten Jugendlichen einen deutlichen Rückgang polizeilicher Tatverdächtigenregistrierungen nach dem Erwerb der Staatsbürgerschaft durch Geburt.
(ifo.de)