Mythos 5:
Migrant:innen sind an allem schuld

Wenn über steigende Mieten, volle Schulen, Fachkräftemangel, Kriminalität oder die Belastung des Sozialstaats gesprochen wird, landet die Debatte schnell bei einem einzigen Schuldigen: den Migrant:innen.

Das ist zu einfach.

Migration kann Probleme verschärfen. Aber sie ist selten ihre einzige Ursache – und oft nicht einmal die wichtigste.

Probleme sind real – ihre Ursachen sind komplexer

Nehmen wir den Wohnungsmarkt: Wenn in einer Stadt viele Menschen zuziehen, steigt natürlich die Nachfrage nach Wohnungen. Das kann in angespannten Märkten den Druck erhöhen.

Aber Migration schafft nicht den Wohnungsmangel allein. Entscheidend ist auch, wie viele Wohnungen gebaut werden, wo gebaut werden darf, wie teuer Bauen ist und wie sich Haushalte und Einkommen entwickeln.

Der Sachverständigenrat für Integration und Migration beschreibt die Situation 2026 genau in diesem Zusammenhang: In vielen Städten trifft eine wachsende Nachfrage auf ein stagnierendes Angebot. Menschen, die neu auf den Wohnungsmarkt kommen – darunter überdurchschnittlich häufig Menschen mit Zuwanderungsgeschichte – haben es besonders schwer, bezahlbaren Wohnraum zu finden.[1]

Das Problem ist also real. Aber die politische Frage lautet: Warum reicht das Wohnungsangebot nicht aus?

Dasselbe gilt für Schulen, Kitas, den Arbeitsmarkt oder Kommunalfinanzen. Mehr Einwohner können zusätzliche Nachfrage nach öffentlichen Leistungen erzeugen. Gleichzeitig arbeiten viele Zugewanderte, zahlen Steuern und Sozialbeiträge und tragen zur Finanzierung dieser Leistungen bei. Entscheidend ist deshalb immer, welche Gruppe man betrachtet, über welchen Zeitraum und welche Kosten und Einnahmen man einbezieht.

Migration ist nicht einheitlich

„Die Migrant:innen“ gibt es nicht.

2025 lebten in Deutschland rund 21,8 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichte – mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Dazu gehören Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben, ebenso wie neu Zugewanderte und ihre in Deutschland geborenen Kinder.[2]

Ihre Gründe für Migration, ihre Bildung, ihr Einkommen, ihr Aufenthaltsstatus und ihre Lebenssituation unterscheiden sich erheblich.

Auch die Zuwanderung selbst verändert sich: 2025 lag die Nettozuwanderung nach Deutschland bei rund 235.000 Menschen, 45 Prozent weniger als 2024.[3]

Wer deshalb von einem ständig anschwellenden, einheitlichen „Migrationsstrom“ spricht, beschreibt die Realität nur unzureichend.

Warum Menschen migrieren

Hein de Haas warnt davor, Migration als eine Art Naturkatastrophe zu betrachten, die plötzlich über Länder hereinbricht. Migration entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren: Menschen suchen Arbeit und bessere Lebensbedingungen, wollen zu ihren Familien, studieren, oder sie fliehen vor Krieg und Verfolgung.[4]

Ende 2024 waren weltweit 123,2 Millionen Menschen auf der Flucht oder anderweitig zwangsvertrieben – ein historischer Höchststand.[5]

Das heißt nicht, dass Deutschland alle Menschen aufnehmen kann oder muss.

Es bedeutet aber: Wer Migration verringern will, muss unterscheiden zwischen Arbeitsmigration, Familienmigration, Flucht und irregulärer Migration. Für jede dieser Formen gelten andere Ursachen und andere politische Möglichkeiten.

Migration ist nicht für jedes Problem verantwortlich

Die Versuchung, Migration zur Erklärung für möglichst viele gesellschaftliche Probleme zu machen, hat einen einfachen Vorteil: Sie liefert einen Schuldigen.

Aber einfache Erklärungen sind nicht automatisch richtige Erklärungen.

Hohe Mieten haben mit dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage zu tun. Kriminalität hat viele Ursachen. Der Fachkräftemangel hängt auch mit Alterung und Ausbildung zusammen. Belastete Kommunen leiden unter einer Vielzahl von Aufgaben und begrenzten finanziellen Spielräumen.

Migration kann dabei jeweils ein Faktor sein – aber daraus folgt nicht, dass Migrant:innen „an allem schuld“ sind.

Umgekehrt wäre es genauso falsch, jede Belastung durch Zuwanderung zu bestreiten. Wenn eine Kommune kurzfristig viele zusätzliche Menschen unterbringen, beschulen oder versorgen muss, entstehen reale Kosten und organisatorische Probleme. Diese müssen benannt und finanziert werden.

Was wir stattdessen brauchen

Eine vernünftige Debatte fragt deshalb nicht:

„Sind Migrant:innen schuld?“

Sondern:

„Welches Problem haben wir genau? Welche Ursachen gibt es? Welchen Anteil hat Migration daran – und welche politischen Maßnahmen helfen tatsächlich?“

Das ist aufwendiger als einen Schuldigen zu suchen.

Aber nur so lassen sich Probleme lösen.

Fazit

Migration verändert Deutschland. Diese Veränderungen bringen Chancen, Kosten und Konflikte mit sich.

Wer Probleme leugnet, verliert Glaubwürdigkeit.

Wer aber Migration für jedes gesellschaftliche Problem verantwortlich macht, macht es sich ebenfalls zu einfach.

Nicht die Herkunft eines Menschen erklärt ein gesellschaftliches Problem. Entscheidend sind die konkreten Ursachen.

Wer diese Ursachen kennt, kann Probleme lösen – statt nur Schuldige zu suchen.

Quellen

[1] Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) (2026): Raum für Entwicklung: Wohnen und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft. Jahresgutachten 2026. Der SVR beschreibt, dass in vielen Städten eine wachsende Nachfrage auf ein stagnierendes Wohnungsangebot trifft. Neu auf den Wohnungsmarkt kommende Menschen, darunter überdurchschnittlich häufig Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, haben besondere Schwierigkeiten, bezahlbaren Wohnraum zu finden.
(SVR – Jahresgutachten 2026)

[2] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026): „21,8 Millionen Menschen in Deutschland mit Einwanderungsgeschichte im Jahr 2025“, 13.04.2026. 2025 hatten 26,3 Prozent der Bevölkerung in privaten Hauptwohnsitzhaushalten eine Einwanderungsgeschichte; 16,4 Millionen Menschen waren selbst eingewandert, weitere 5,4 Millionen waren Nachkommen von Eingewanderten.
(Destatis – Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte 2025)

[3] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026): „Nettozuwanderung 2025 mit 235 000 Personen deutlich gesunken“, 01.06.2026. 2025 gab es rund 1,48 Millionen Zuzüge und 1,25 Millionen Fortzüge; der Wanderungssaldo lag bei rund 235.000 Personen und damit 45 Prozent unter dem Wert von 2024.
(Destatis – Nettozuwanderung 2025)

[4] Hein de Haas (2024): Migration. 22 populäre Mythen und was wirklich hinter ihnen steckt. Frankfurt am Main. De Haas untersucht verbreitete Vorstellungen über Migration und betont die unterschiedlichen Ursachen und Mechanismen von Migration. Das ursprüngliche Projekt verweist bereits auf dieses Buch.

[5] UNHCR (2025): Global Trends 2024. Ende 2024 waren weltweit 123,2 Millionen Menschen aufgrund von Verfolgung, Konflikten, Gewalt, Menschenrechtsverletzungen oder anderen schwerwiegenden Ereignissen zwangsvertrieben.
(UNHCR – Global Trends 2024)