Mythos 6:
Zuwanderung ist eine Gefahr für den Sozialstaat
„Die kommen nach Deutschland, um von unserem Sozialstaat zu leben.“
Dieser Eindruck ist weit verbreitet. Er vermischt allerdings sehr unterschiedliche Formen von Migration – und er lässt einen entscheidenden Punkt außer Acht:
Ob Zuwanderung den Sozialstaat belastet oder stärkt, hängt stark davon ab, wer kommt, wie schnell Menschen Arbeit finden und wie lange sie in Deutschland bleiben.
Migration ist nicht gleich Sozialleistungsbezug
Nicht jeder Mensch mit ausländischem Pass ist neu eingewandert oder lebt von Sozialleistungen.
Ende 2025 lebten rund 14,1 Millionen ausländische Staatsangehörige in Deutschland. Mehr als zwei Drittel waren zwischen 20 und 59 Jahre alt, und im Durchschnitt lebten Ausländerinnen und Ausländer bereits 14,8 Jahre in Deutschland.[1]
Unter ihnen sind EU-Beschäftigte, Fachkräfte, Selbstständige, Studierende, Familienangehörige, Geflüchtete und Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben.
Auch der Aufenthaltsstatus macht einen großen Unterschied: Ende 2025 hatten rund 5,2 Millionen Ausländerinnen und Ausländer EU-Freizügigkeit, während rund 470.800 einen Aufenthaltstitel zum Zweck der Erwerbstätigkeit hatten.[2]
Wer all diese Gruppen unter dem Begriff „Sozialmigration“ zusammenfasst, beschreibt die Realität nicht.
Ja: Zuwanderung verursacht zunächst auch Kosten
Gerade bei Geflüchteten ist es falsch, die anfänglichen Kosten zu verschweigen.
Wer neu nach Deutschland kommt, muss zunächst untergebracht, versorgt, beschult und häufig sprachlich und beruflich qualifiziert werden. Gleichzeitig können viele Menschen am Anfang noch nicht arbeiten.
Das gilt insbesondere für Flüchtlinge. Das IAB zeigt aber auch, dass sich diese Bilanz mit zunehmender Arbeitsmarktintegration verändert.[3]
Von den Menschen, die 2015 als Geflüchtete nach Deutschland kamen, waren 2024 64 Prozent beschäftigt. 90 Prozent der Beschäftigten arbeiteten sozialversicherungspflichtig. Einschließlich der Selbstständigen lag die Erwerbstätigenquote bei etwa 70 Prozent.[4]
Das ist ein entscheidender Punkt:
Die Kosten am Anfang sind nicht dasselbe wie die langfristige Bilanz.
Arbeit verändert die Bilanz
Wer arbeitet, zahlt Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträge. Unternehmen zahlen ebenfalls Beiträge für ihre Beschäftigten. Gleichzeitig entstehen natürlich weiterhin Ansprüche auf Leistungen – etwa Kindergeld, Gesundheitsversorgung oder später Renten.
Deshalb kann man nicht einfach die erhaltenen Sozialleistungen mit den gezahlten Steuern vergleichen.
Die OECD kommt bei internationalen Vergleichen zu einem wichtigen Ergebnis: Der fiskalische Effekt von Migration ist insgesamt relativ klein und hängt stark davon ab, wie gut Menschen in den Arbeitsmarkt integriert sind und welche Einkommen sie erzielen.[5]
Das bedeutet: Es gibt nicht die eine fiskalische Bilanz „der Migranten“.
Ein junger, gut beschäftigter Facharbeiter trägt anders zum Sozialstaat bei als jemand, der neu eingereist ist und zunächst Leistungen benötigt. Und ein älterer Einwanderer, der bereits im Ruhestand ist, hat eine andere fiskalische Bilanz als eine Familie mit zwei erwerbstätigen Eltern.
Der Sozialstaat braucht Erwerbstätige
Deutschland steht vor einem demografischen Problem: Die Bevölkerung altert und immer mehr Menschen erreichen das Rentenalter.
Das belastet den Sozialstaat unabhängig von Migration.
Gleichzeitig fehlen Arbeitskräfte. Die OECD empfiehlt Deutschland deshalb ausdrücklich, die Erwerbsbeteiligung im Inland zu erhöhen und zugleich Hindernisse für qualifizierte Zuwanderung abzubauen.[6]
Zuwanderung kann den Sozialstaat also nicht „retten“. Aber eine erfolgreiche Integration von Arbeitskräften kann dazu beitragen, seine Finanzierungsbasis zu stabilisieren.
Das gilt besonders für die Sozialversicherungen: Beschäftigte zahlen Beiträge, während sie im Durchschnitt deutlich jünger sind als die Bevölkerung insgesamt.
Entscheidend ist, wie schnell Integration gelingt
Deshalb ist eine wichtige Frage nicht nur:
„Wie viele Menschen kommen?“
Sondern:
„Wie schnell können sie selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen und zum Gemeinwesen beitragen?“
Hier hat Deutschland noch erhebliches Potenzial.
Das IAB zeigt beispielsweise, dass sich die Beschäftigungsquote der 2015 zugewanderten Geflüchteten innerhalb von neun Jahren von anfänglich sehr niedrigen Werten auf 64 Prozent erhöht hat.[4]
Sprachkurse, Ausbildung, Anerkennung von Abschlüssen und ein schneller Zugang zum Arbeitsmarkt sind deshalb keine bloßen Sozialprogramme.
Sie sind Investitionen, die die spätere finanzielle Bilanz verbessern können.
Eine gemeinsame Studie von IAB und DIW kam bereits 2017 zu dem Ergebnis, dass Investitionen in Sprache und Bildung bei den 2015 zugewanderten Geflüchteten langfristig erhebliche fiskalische Einsparungen ermöglichen können.[7]
Was ist also mit dem „Sozialstaat als Pull-Faktor“?
Sozialleistungen können bei Migrationsentscheidungen eine Rolle spielen. Aber die Forschung spricht gegen die Vorstellung, dass Menschen massenhaft allein wegen deutscher Sozialleistungen einwandern.
Migration wird von vielen Faktoren beeinflusst: Arbeit, Einkommen, Sicherheit, Familie, bestehende Netzwerke, politische Verhältnisse und die Situation im Herkunftsland.[8]
Das bedeutet nicht, dass Deutschland keine Anreize setzen sollte, zu arbeiten.
Ein leistungsfähiger Sozialstaat braucht Regeln, die Erwerbsarbeit attraktiv machen und Missbrauch verhindern.
Das ist eine legitime politische Forderung – unabhängig davon, ob jemand deutscher oder ausländischer Staatsangehöriger ist.
Fazit
Zuwanderung ist weder automatisch eine Belastung noch automatisch ein Gewinn für den Sozialstaat.
Kurzfristig können insbesondere Fluchtmigration und die Integration neu eingewanderter Menschen Kosten verursachen.
Langfristig hängt die Bilanz entscheidend davon ab, ob Menschen arbeiten können, welche Einkommen sie erzielen, wie lange sie in Deutschland bleiben und welche Qualifikationen sie mitbringen.
Deshalb sollte die Politik nicht fragen:
„Migration – gut oder schlecht für den Sozialstaat?“
Sondern:
„Welche Zuwanderung brauchen wir, wie integrieren wir Menschen schneller in Arbeit und wie sorgen wir für einen Sozialstaat, der Leistung belohnt und Bedürftige schützt?“
Das ist komplizierter als die Behauptung vom „Sozialtourismus“.
Aber es entspricht der Realität.
Quellen
[1] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026): Finale Ergebnisse der Ausländerstatistik zum 31.12.2025. Ende 2025 waren rund 14,07 Millionen ausländische Personen in Deutschland registriert. Ihr Durchschnittsalter lag bei 38,2 Jahren; 68 Prozent waren zwischen 20 und 59 Jahre alt. Im Durchschnitt lebten sie 14,8 Jahre in Deutschland.
[2] Statistisches Bundesamt (Destatis) (2026): Ausländische Bevölkerung nach aufenthaltsrechtlichem Status am 31.12.2025. Unter den ausländischen Staatsangehörigen hatten rund 5,23 Millionen EU-Freizügigkeit; rund 470.800 verfügten über einen Aufenthaltstitel zum Zweck der Erwerbstätigkeit.
[3] Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Fiskalische und gesamtwirtschaftliche Effekte: Investitionen in die Integration der Flüchtlinge lohnen sich. Das IAB betont, dass Flüchtlingszuwanderung zunächst erhebliche fiskalische Kosten verursacht, diese mit zunehmender Arbeitsmarktintegration aber sinken und zusätzliche Einnahmen entstehen.
[4] Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) (2025): 10 Jahre Fluchtmigration: Beschäftigungsquote von Geflüchteten nähert sich dem Durchschnitt in Deutschland an. Bei den 2015 zugezogenen Geflüchteten lag die Beschäftigungsquote 2024 bei 64 Prozent; 90 Prozent der Beschäftigten waren sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Einschließlich Selbstständiger lag die Erwerbstätigenquote bei etwa 70 Prozent.
[5] OECD: Economic impact of migration – Migrant contribution to public finances. Die OECD weist darauf hin, dass der fiskalische Effekt von Migration stark von Arbeitsmarktintegration und Einkommen abhängt und im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung meist relativ klein ist.
[6] OECD (2025): OECD Economic Surveys: Germany 2025. Die OECD empfiehlt Deutschland unter anderem, die Erwerbsbeteiligung von Frauen, Älteren und Geringverdienenden zu erhöhen, Bildungs- und Ausbildungsangebote zu verbessern und Hindernisse für qualifizierte Zuwanderung abzubauen.
[7] Bach, Stefan / Brücker, Herbert / van Deuverden, Kristina / Haan, Peter / Romiti, Agnese / Weber, Enzo (IAB/DIW, 2017): Fiskalische und gesamtwirtschaftliche Effekte: Investitionen in die Integration der Flüchtlinge lohnen sich. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Investitionen von 3,3 Milliarden Euro in Bildung und Sprache die kumulierten Kosten der Flüchtlingsmigration bis 2030 um rund 11 Milliarden Euro reduzieren könnten.
[8] Deutscher Bundestag (2024): Experten kritisieren These von Pull-Faktoren. Die Anhörung fasst die migrationswissenschaftliche Forschung zu sogenannten Pull-Faktoren zusammen und zeigt, dass die Vorstellung, Sozialleistungen seien der entscheidende Grund für Migration, wissenschaftlich umstritten beziehungsweise zu einfach ist.





